Aktion Entlastungsschnitt alter Kopfbäume – Zeugen einer untergegangenen Kultur


Text von Dietmar Veith
Wandert man mit offenen Augen durch das Hasselholzer Tal südwestlich vom Amsterdamer Ring hinauf bis zum Friedrich, fallen einem bald zahlreiche alte, ehemalige Kopfbäume entlang der Wege- und Parzellengrenzen auf: Eine vielfältige Mischung aus Weiden, Hain- und Rotbuchen, Eichen und Eschen. Nur wenige davon, vor allem Bruchweiden, werden noch gepflegt. Bei den meisten liegt der letzte Schnitt viele Jahrzehnte zurück, wie man an den enorm dicken Ästlingen erkennen kann, die oft selbst die Dimension von Bäumen erreicht haben.
Diese alten Baumpersönlichkeiten zeugen von einer vielseitigen Nutzung, die größtenteils nach dem 2. Weltkrieg verloren gegangen und heute praktisch vergessen zu sein scheint.
So dienten diese charakteristischen Bäume nicht nur als Grenzmarkierungen oder zur Gewinnung von Flechtmaterial, Gerätestielen und Brennholz, sondern wurden auch zur Ernte von Winterfutter bzw. Einstreu genutzt. Dazu kappte man während der Vegetationsperiode im Sommer die ausgetriebenen Ruten samt Blättern und lagerte sie nach dem Trocknen für den Winter ein. Wenn man einmal gesehen hat, wie Wiederkäuer nach Blättern und Rinde von Bäumen und Sträuchern gieren (der Auerochse, ein Ahne unserer Rinder war ein Waldbewohner), ist man nicht überrascht, dass unsere Altvorderen den zusätzlichen Segen vor ihrer Haustür bargen.
Ressourcen aller Art mussten zur Überwinterung beitragen. Die Ernte dieses „Laubheues“ war eine der vielen Aufgaben von Kindern in der Landwirtschaft und spielte sich meist in ca. drei Metern Baumhöhe ab. Die unbequeme Arbeitshöhe ergab sich zwangsläufig aus der Beliebtheit von Blattmaterial beim freilaufenden Vieh. So weit nach oben reichten denn die Zungen von hungrigen Rindern und Pferden nicht. Andernfalls wären durch das wiederholte Abnagen des Neuaustriebs die geschneitelten (so der Fachbegriff für diese Technik) Gehölze bald verkümmert und abgestorben.
Insbesondere der Reitweg hinter dem Hasselholzer Sportplatz wird von einer Reihe gewaltiger Eschen mit teils mehr als vier Meter Umfang geprägt. Betrachtet man die Bäume genauer, fällt auf, dass die Verästelung über einem Stamm in der charakteristischen 3 m Höhe ansetzt und sehr weit in die benachbarten Wiesen ragt.
Fast alle Stämme sind hohl und geborsten, aber die meisten trotzen immer noch Wind und Wetter. Ein statisches Wunder, das zu Berechnen einem jeden Ingenieur den Schweiß auf die Stirn treiben würde.
Doch auch die Natur kommt an ihre Grenzen, wie einige Astausbrüche und „Baumleichen“ beweisen. Berücksichtigt man die Dicke der Bäume und bedenkt einen reduzierten Zuwachs auf Grund der ständigen Schneitelung im Sommer, so kann man sicher auf ein Alter von mehr als 250 Jahren schließen.
Das hohe Alter verdanken diese Eschen also der traditionellen Nutzung, und sie ist Voraussetzung für den weiteren Bestand der Bäume, denn sie hält die mechanische Belastung der Stämme in Grenzen.
Natürlich wird niemand mehr Kinder in die Bäume zur Laubheu-Gewinnung schicken, aber die Freunde des Hasselholzes haben sich vorgenommen, für den Erhalt der Eschen aktiv zu werden.
Nach unseren Vorstellungen sollte durch einen behutsamen Entlastungsschnitt die Standsicherheit der Bäume erhöht und die Astbruchgefahr reduziert werden.
Danach muss man die Reaktion der Bäume auf die Pflege abwarten und gegebenenfalls in mehrjährigem Abstand weitere Maßnahmen treffen. Bestehende Lücken in der Baumreihe könnten durch die Neupflanzung von Eichen geschlossen werden. Eichen deshalb, weil ein aus Asien eingeschleppter Pilz besonders juvenile Eschen befällt und in ihrer Vitalität mindert.
Bitte helfen Sie uns, das besondere Landschaftsbild und die Natur vor unserer Haustür zu erhalten!
